1997 Teilnehmerin, 1999 Helferin – 2008 Betreuerin

Im Sommer 1997, als ich 11 Jahre alt war, nahm ich zum ersten Mal am Ferienprogramm des Marbacher Jugend-Kultur-Hauses planet-x teil. Damals hieß das Ganze noch „Aktivspielplatz“. Dass ich dort gelandet bin, war mehr oder weniger Zufall – mein Cousin Frank absolvierte im planet-x seinen Zivildienst, meine Schwester Sonja war Betreuerin des Aktivspielplatzes und hat mich eines Tages einfach mitgenommen. Obwohl ich anfangs skeptisch war, weil ich dort als „Nicht-Marbacherin“ abgesehen von meiner Verwandtschaft niemanden kannte, wurde ich schon innerhalb weniger Minuten mitgerissen. Vom Angebot, von anderen Kindern, von den Betreuern.

Besonders begeisterte mich schon damals die Vielzahl der angebotenen Aktivitäten. Bis dahin hatte ich nur selten an anderen Ferienprogrammen teilgenommen, die mir nie besonders gefallen hatten und an denen ich meist schon nach wenigen Tagen nicht mehr teilnehmen wollte, weil sie, im Nachhinein betrachtet, den Charakter von „Aufbewahrungsmaßnahmen“ hatten. Hier ein Liedchen singen, da ein Bild malen… das war schon damals nicht mein Ding.

Der Aktivspielplatz hingegen hielt schon von der ersten Minute an, was er versprach: Aktivität.

So begann ich begeistert mit meinen neu gefundenen Freundinnen und Freunden eine Hütte zu bauen und nahm an einer Nachtwanderung teil, deren Schrecken mir noch heute in Erinnerung sind, die ich aber trotzdem unbeschadet überstanden habe – schließlich besitze ich heute noch meine Urkunde, ausgestellt wegen meines „Heldenmuts in der Geisternacht“. Auf dem Aktivspielplatz war damals alles möglich, was mein Herz begehrte, auch Ponyreiten, für 11jährige Mädels natürlich eine Aktivität die unbedingt mitgenommen werden musste!
Es musste jedoch nicht unbedingt das getan werden, was an diesem Tag auf dem Programm stand, auch der Umsetzung eigener Ideen stand zumeist nichts entgegen. So erinnere ich mich – unter anderem dank der Urkunde für die „Beste Zöpfemacherin“ – an einen Nachmittag, den ich mit Zöpfe flechten zugebracht habe.

Die zwei darauffolgenden Sommer verbrachte ich ebenfalls auf dem Aktivspielplatz, im dritten Jahr, also mit 13, übernahm ich auf Anfrage Georg Stenkamps teilweise die Betreuung von Jüngeren.

Schatzkästle
Im Jahr 2008, also fast 10 Jahre später, sehe ich an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, an der ich mittlerweile Diplom-Pädagogik studiere, einen Zettel vom planet-x, das für sein Ferienprogramm, das mittlerweile „Verfluchte Ferien“ heißt noch Betreuer sucht. Schon beim ersten Vorbereitungstreffen merke ich, dass die Mitarbeit für mich sehr reizvoll ist:
Im Rahmen meines Studiums der Erwachsenenbildung habe ich mich mit vielen verschiedenen Lerntheorien beschäftigt, zum Beispiel mit den neuen konstruktivistischen Lerntheorien, die meine persönliche Lerntheorie wohl mit am stärksten geprägt haben. Nach diesen Theorien ist das Wissen über die Welt nichts „Starres“, sondern ein im Individuum entstandenes Konstrukt. Wissen ist demnach nicht „transportierbar“, daher sollten Lehrende in der Erwachsenenbildung vielmehr Wissen ermöglichen, Lernprozesse moderieren und begleiten. Lernen sollte zudem die Bedürfnisse der Teilnehmer berücksichtigen. Dies gilt für das Erwachsenenlernen. Aber auch Lernprozesse von Kindern und Jugendlichen sollten und können meiner Meinung nach nicht immer starren linearen Vorgaben folgen. Viele Wissenschaftler mögen dem entgegnen, dass es für die Aneignung von grundlegenden Fähigkeiten, wie sie in der Schule vermittelt werden kaum andere Möglichkeiten gibt, als sich streng an Lehrplänen und Lernzielen zu orientieren.

Umso wichtiger ist, denke ich, dass im Bereich der Freizeitgestaltung ein Ausgleich geschaffen wird, bei dem am Ende nicht nur zählt was gelernt wurde. Vielmehr sollten die Interessen, Bedürfnisse und Potenziale der Kinder im Vordergrund stehen. Diese gilt es zu beachten und zu fördern. Dabei sollten Ideen aufgegriffen, ernst genommen und weitergesponnen werden, der Einzelne sollte seine Interessen vertiefen können und Antworten auf Fragen erhalten, die ihn bewegen, sowie zum Nachdenken und zu neuen Fragen angeregt werden.

All dies entspricht meiner Einstellung zum Lernen, also meiner persönlichen Lerntheorie. Schon bei der Vorstellung des Konzepts beim Vorbereitungstreffen habe ich bemerkt, dass ich hier die Möglichkeit habe, genau diese Theorie anzuwenden. Kinder sollen durch theaterpädagogische und erlebnispädagogische Anreize zur Interaktivität, zum aktiven Teilnehmen und zum Denken angeregt werden. Dabei sollen sie über eine gewisse „Freiheit“ verfügen, ihre Interessen zu verfolgen, das heißt, jeder soll das für sich Passende finden, die passende Aktivität, den passenden Ort. Dies ermöglicht das Konzept der Verfluchten Ferien, so wie es damals auch der „Aktivspielplatz“ schon ermöglicht hat.

Dafür, dass diese Art der Pädagogik (Kurzzeitpädagogik) sehr nachhaltig wirkt, gibt es bestimmt viele Beispiele. Sicherlich gibt es dafür keine „Beweise“. So wäre es übertrieben die Tatsache, dass ich Pädagogik studiere und vorhabe mich auf den Bereich der Erlebnispädagogik zu spezialisieren allein darauf zurückzuführen, dass ich am Aktivspielplatz teilgenommen habe. Übertrieben wäre es vermutlich auch zu sagen, dass ich allein wegen der nachhaltigen Wirkung der Pädagogik des Aktivspielplatzes unter den Betreuerinnen das Mädchen wiedergetroffen habe, dem ich damals stundenlang Zöpfe geflochten habe. Aber dennoch tragen diese Beispiele dazu bei, meine Auffassung von Pädagogik und von der Welt zu ergänzen und stimmiger zu machen.

(Sarah Häußler, 24.03.2009)